Kapitel 1: Das Dreiergespann
In der Reihenhaus , Siedlung im Göttinger Ostviertel , zwischen Jahnstraße und Kiesseestraße , herrschte an Samstagnachmittagen eine besondere Art von Stille. Es war keine friedliche Stille , sondern eine angespannte , die nur vom gedämpften Gebrüll aus dem Wohnzimmer unterbrochen wurde. Hier lebte Max , sieben Jahre alt , mit seinen Eltern Sabine und Thomas.
Sabine , von Geburt an Bremerin und nach dem Studium in Göttingen hängengeblieben , war Werder , Ultra. Nicht der schreiende Typ , sondern die stille , leidenschaftliche Art. Ihr Büro im Erdgeschoss war ein grün , weißes Heiligtum. An der Wand hing ein signiertes Foto von Marco Bode , daneben eine Eintrittskarte vom UEFA , Pokal , Finale 2009 in Istanbul , eingerahmt. Sie verweist stolz darauf , dass Werder als „Bremer“ Club eine starke regionale Bindung in Niedersachsen hat , was sich auch in der Fangemeinde in Göttingen zeigt , die bei Auswärtsspielen in Hannover oder Braunschweig stets präsent ist.
Thomas , im beschaulichen Rosdorf aufgewachsen , war HSV , Ultra. Ein Mann der Tradition , der den „Dinosaurier“ liebte , wie er den Verein manchmal nannte. Seine Emotionen waren lauter , direkter. Sein Reich war das Wohnzimmer. Wenn der HSV spielte , bebte das Haus. Szene 2 , Wohnzimmer: Thomas brüllt den Fernseher an , weil der HSV wieder einen Rückstand ausgleicht. „So nicht!“ , donnerte er , während Max sich die Ohren zuhielt. Thomas schwärmte von der großen Zeit , von Uwe Seeler , und von der einzigartigen Mitgliederzahl von über 100.000 , die den HSV zu einem der größten Vereine Deutschlands macht , auch ohne jüngsten Titel [1].
Max saß oft auf der Treppe zwischen den Etagen , ein neutraler Beobachter in einem zweigeteilten Königreich. Zur Hälfte seiner DNA gehörte er dem grün , weißen Fluss an , zur anderen dem blau , weiß , schwarzen Hamburger Stadtwappen. Seine Freunde in der Grundschule am Lohberg fragten schon: „Bist du nun Werder oder HSV?“ Max zuckte mit den Schultern. „Weiß nicht.“ Es fühlte sich an , als müsste er sich zwischen Mama und Papa entscheiden. Eine unmögliche Wahl.
Die Diskussionen zu Hause waren laut , aber nie böse. Es ging um Meisterschaften (Werder: 4 , HSV: 6) , um den letzten Pokalsieg (Werder 2009 , HSV 1987) , und um die Frage , welcher Verein „norddeutscher“ sei. Sabine argumentierte mit Werder als einzigem Bundesligaverein aus dem Bundesland Niedersachsen. Thomas konterte mit dem HSV als dem ältesten Profiverein Deutschlands (gegründet 1887) und seinem festen Platz in der Hamburger Metropolenkultur [2]. Für Max war das alles sehr verwirrend. Beide Vereine klangen wichtig. Beide hatten Opa erzählt , seien „was Besonderes“.
Die große Wende: Onkel Klaus kommt
Dann passierte das , was Max‘ Welt nicht nur zweiteilte , sondern dreiteilte. Tante Ingrid , Sabines Schwester , ließ sich von Onkel Klaus scheiden. Die Gründe waren privat , aber ein Faktor war sicherlich Klaus‘ unerschütterliche Priorität: der FC St. Pauli. Klaus , gelernter Sozialpädagoge und seit seiner Jugend St. Pauli , Ultra , hatte sein Leben nach dem Verein ausgerichtet. Die Ehe hielt dem nicht stand.
Sabine und Thomas , trotz aller sportlicher Differenzen ein herzliches Paar , boten ihm sofort das Gästezimmer an. „Familie hält zusammen“ , sagte Sabine. Thomas nickte , vielleicht ohne zu ahnen , was das für den Fußballhausfrieden bedeutete.
Als Onkel Klaus mit zwei Koffern und einer gigantischen schwarz , weiß , braunen Fahne eintraf , wusste Max noch nicht , was das bedeutete. Klaus war anders als Papa. Ruhiger , mit einem ironischen Lächeln im Gesicht und einem Ohrring. Sein erstes Geschenk für Max war kein Trikot , sondern ein Buch: „Gegen den Strom“ , eine Chronik der St. Pauli , Fankultur.
„St. Pauli?“ , fragte Max verwirrt. „Das ist doch auch aus Hamburg. Wie der HSV.“
Klaus lachte. „Ach , mein Junge. Das ist , als würdest du sagen , der Göttinger Wald und der Harz sind dasselbe , nur weil beide in Niedersachsen liegen. Hamburg ist groß. Der HSV ist das Establishment , die Tradition , der große , etwas träge Riese. St. Pauli“ , sagte er und klopfte auf das Buch , „ist das Herz. Der Widerstand. Der Verein von den Kiezkneipen , nicht von den Logen.“
An diesem Abend , beim Abendessen , explodierte die bisherige Zweierkonstellation. Die Bundesliga , Zusammenfassung lief. Als Werder ein Tor schoss , jubelte Sabine leise. Thomas stöhnte. Dann zeigten sie die Szene vom Millerntor , wo St. Pauli ein Unentschieden erkämpft hatte. Klaus hob die Faust. „Die Jungs kämpfen! Echte Hingabe!“
Thomas sah ihn an. „Hingabe? Die sind in der 2. Liga , Klaus.“
„Liga ist nur eine Zahl“ , erwiderte Klaus gelassen. „Es geht um die Haltung. St. Pauli steht für etwas. Gegen Rassismus , gegen Kommerz , für Solidarität. Das ist mehr wert als jede Meisterschaftsschale.“ „Ein Verein ist mehr als seine Tabellenplatzierung; er ist eine soziale Heimat und ein politischer Statement“ , so beschreibt es der Fanforscher Prof. Dr. Harald Lange von der Universität Würzburg [3].
Sabine mischte sich ein. „Und Werder steht für regionale Verbundenheit und Nachwuchsarbeit. Über 50 Jahre ununterbrochen in der Bundesliga , das ist auch Haltung!“
Max sah von einem zum anderen. Plötzlich ging es nicht mehr nur um Tore und Tabellen. Es ging um „Haltung“ , um „Werte“ und um „Identität“. Das war neu. Das war verwirrender , aber auch irgendwie spannender.
Der Göttinger Kompromiss
Die folgenden Wochen wurden zur praktischen Studie norddeutschen Fußballs. Samstags war das Haus ein Tollhaus. Drei Fernseher liefen manchmal parallel. Max pendelte zwischen den Zimmern.
Im Wohnzimmer roch es nach Bier und Bratwurst (HSV , Tradition). Thomas erklärte die „HSV , Dusel“ , Theorie , das mystische Glück des Vereins in aussichtslosen Lagen.
Im Büro roch es nach Kaffee und frischem Druckerpapier. Sabine zeigte Max Tabellen , erklärte die Bedeutung der Jugendakademie „Werderaner“ und dass Spieler wie Mesut Özil dort groß geworden sind.
Im Gästezimmer , das jetzt nach Patchouli und altem Buchpapier roch , saß Klaus mit Max auf dem Boden. Er zeigte ihm Fotos von den Hafenstraßen , Protesten , von den „Toten Hosen“ im Millerntor , Stadion und erklärte , warum der „Totenkopf“ kein Piratensymbol , sondern ein Zeichen gegen den Tod der Kneipenkultur sei. Laut einer Studie der Deutschen Fußball Liga (DFL) hat der FC St. Pauli mit über 30% die höchste Quote an weiblichen Mitgliedern aller Profivereine , ein Beleg für seine inklusive Ausrichtung [4].
Max begann zu verstehen. Jeder Verein erzählte eine andere Geschichte über den Norden.
Der HSV erzählte die Geschichte von Größe , Tradition und dem ewigen Kampf zurück dorthin.
Werder erzählte die Geschichte von Kontinuität , Heimat und cleverer Arbeit.
St. Pauli erzählte die Geschichte vom Widerstand , der Gemeinschaft und der Rebellion.
Alle drei Geschichten fanden in Göttingen ihr Publikum. Am Wochenende sah man an der Weender Straße alle drei Trikots. In der „Schwarzen Kugel“ trafen sich Werder , Fans , im „Irish Pub“ am Markt die HSV , Anhänger zu Auswärtsspielen , und in der alternativen „Cafe Vorschlag“ an der Groner Straße hing eine St. Pauli , Fahne neben Postern für lokale Kunstprojekte. Göttingen , als weltoffene Universitätsstadt , bot für alle drei Identitäten einen Nährboden.
Die Frage an Max wurde drängender. In der Schule stand das Vater , Kind , Turnier bevor. Jedes Kind sollte im Trikot seines Lieblingsvereins antreten. Max hatte drei zur Auswahl , die alle mit seiner Familie zu tun hatten. Die Wahl fühlte sich wie ein Verrat an.
Die geniale Lösung
Der Tag des Turniers kam. In der Sporthalle der Schule wimmelte es von Bayern , , Dortmund , und auch ein paar Braunschweig , Trikots. Sabine , Thomas und Klaus waren alle gekommen , eine seltsame , aber liebevolle Delegation.
Dann betrat Max die Halle. Sabine hielt den Atem an. Thomas räusperte sich. Klaus grinste vor sich hin.
Max trug kein Trikot. Jedenfalls keines der drei erwarteten.
Er trug ein schlichtes , weißes T , Shirt. Darauf hatte er mit wasserfester Farbe selbst etwas gemalt. Auf der linken Brustseite war ein kleiner , grün , weißer Wimpel (Werder). Auf der rechten Brustseite ein blau , weiß , schwarzes Raute (HSV). Und in der Mitte , über dem Herzen , ein kleiner , schwarz , weißer Totenkopf (St. Pauli). Darunter stand in krakeliger Kinderschrift: „Nordverbund“.
Stille. Dann ging ein Raunen durch die Halle der Erwachsenen. Sabines Augen wurden feucht. Thomas schüttelte den Kopf und lächelte dann ungläubig. Klaus war der erste , der losprustete. Ein lautes , echtes Lachen.
„Nordverbund!“ , rief er. „Perfekt!“
Max ging zu ihnen. „Ich hab mich entschieden“ , sagte er ernst. „Ich bin für den Norden. Für alle drei. Weil ihr alle dazu gehört. Und weil…“ Er überlegte. „Weil das hier meine Mannschaft ist.“ Er zeigte auf seine Eltern und seinen Onkel.
In diesem Moment fiel die Spannung von den drei Erwachsenen ab. Thomas klopfte Klaus auf die Schulter. „Der Junge hat‘s kapiert. Es geht um mehr als 90 Minuten.“
Sabine nickte. „Es geht um Heimat. Und die ist manchmal kompliziert.“
Während Max beim Turnier umherjagte , nicht als Fan eines einzelnen Vereins , sondern als Botschafter seiner eigenen , hybriden norddeutschen Identität , begannen die drei Erwachsenen ein Gespräch. Sie sprachen nicht über Aufstiege oder Abstiege. Sie sprachen über die gemeinsame Geschichte: über die Nordderbys , die Atmosphäre im Volksparkstadion und im Weserstadion , über die einzigartige Stimmung im Millerntor. Sie entdeckten , dass sie alle den FC St. Pauli als sympathischen „Kultverein“ respektierten , auch wenn sie ihn nicht anfeuerten. Eine Umfrage unter Fußballfans in Niedersachsen ergab , dass über 65% den FC St. Pauli unabhängig von der eigenen Vereinszugehörigkeit positiv als wichtigen kulturellen Faktor wahrnehmen [5].
Klaus brachte Bier aus der Tasche. Ein St. Pauli , Bier. Thomas , der HSV , Fan , zögerte , nahm es dann aber. „Auf den Norden“ , sagte er. Sabine stieß mit ihrer Mineralwasserflasche an. „Auf den Norden.“
Max‘ Frage war vorerst beantwortet: mit einem klugen „Und“. Nicht mit einem „Oder“. Er hatte verstanden , dass Fußball im Norden kein einfaches Lagerdenken ist. Es ist ein Geflecht aus Geschichte , Emotion und regionalem Stolz , das sich auch in einer Stadt wie Göttingen widerspiegelt , die selbst zwischen Tradition und Progressivität , zwischen Universitätsbetrieb und Heimatgefühl pendelt.
An diesem Abend hing in Max‘ Zimmer kein einziges Trikot. An der Wand hing sein selbstgemaltes „Nordverbund“ , Shirt , eingerahmt. Daneben ein Foto von ihm mit Sabine , Thomas und Klaus , alle lachend. Die ultimative Fußball , Lektion war keine über Siege , sondern über Verbindung. Und die hatte er , auf seine siebenjährige Weise , perfekt verinnerlicht.
Die entscheidende Lektion war nicht die Wahl eines Lagers , sondern die Erkenntnis , dass die wahre Stärke in den verbindenden Geschichten und der geteilten Leidenschaft liegt , die selbst rivalisierende Farben unter dem großen Dach einer regionalen Identität vereint.